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modular CONSTRUCTION

Canan Dagdelen


Canan Dagdelen

modular CONSTRUCTION

Ausstellungseröffnung am Donnerstag, den 12.11.2015, 19:00 – 22:00 Uhr
Ausstellungsdauer: 13.11.2015 – 27.01.2016

Eröffnung: Dr. Lucas Gehrmann

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Ausstellung im Rahmen der VIENNA ART WEEK 2015

"Eine Konsequenz aufklärerischen Denkens besteht darin, für alles, was passiert, einen Grund anzunehmen. Nichts scheint grundlos zu geschehen. Was sich zeigt, wäre demnach immer nur die Wirkung, der eine Ursache vorausgeht. Dieser Mechanismus aus Ursache und Wirkung ist paradigmatischer Natur: Er gilt für die Naturgesetze genauso wie für die Vorstellung von Zeit, die in der Gegenwart immer nur die Konsequenz einer Geschichte erkennt, die ihr als Ursache vorauseilt. Was immer geschieht, hat einen Grund – auch dann, wenn dieser (noch) unbekannt ist. Deshalb erscheint jede Auseinandersetzung mit der Realität als Versuch, einen Grund für diese Realität zu finden und zu definieren. Was sich dann als Realität zeigt, gibt sich als Ergebnis zu erkennen – wenn man so will: als Produkt. Wollte man Politik definieren, dann wäre sie der Versuch, spezifische und ideologisch differente Gründe für die Realität als ursächliches Produkt geltend zu machen und daraus variabel Maßnahmen abzuleiten, die dann die Wirkung von neuen Ursachen haben und eine andere Realität als Konsequenz und Wirkung nach sich ziehen. Wollte man Politik definieren, dann wäre sie auch der Versuch, die Gründe für ökonomische, soziale, kulturelle und politische Fehlfunktionen immer dem ideologisch Differenten als Ursache für diese zuzuschreiben und sich selbst als Grund für diejenigen Wirkungen in der Realität zu erkennen, die dem ideologischen Bild derselben entsprechen. Was dann als Politik erscheint, ist ein Ursachenstreit – ein Streit über den Grund und seine Wirkung. Dieses Paradigma erzeugt ein Gefühl von Angst, wenn man nur Wirkungen zu spüren bekommt, ohne den Grund dafür zu kennen, und ein Gefühl von Ohnmacht, wenn man Wirkungen ertragen muss, für deren Ursachen man nicht verantwortlich ist. Will man Politik definieren, dann ist sie auch der Versuch, manche Ursachen im Verborgenen zu halten, um andere Begründungsfiguren in den Vordergrund zu rücken. Was dann erscheint, ist die paradoxe Vorstellung von einem falschen Grund: die Vorstellung einer Ursache, die keine ist und trotzdem Wirkungen verursachen soll. Auch dieser Diskurs über die falschen Gründe ist Politik. Die Erfahrung dieser Form von Politik produziert mitunter den Eindruck einer grundlosen Debatte, die an den Ursachen vorbeigeht, zugleich aber am Paradigma von Ursache und Wirkung festhält. Nun stellt sich die Frage, welche Mittel der Kritik bleiben, dieses Paradigma zu kritisieren. Die bloße Definition anderer Ursachen und Gründe wäre nicht genug, würde sie doch nur eine weitere Variable ins Spiel bringen und damit den Mechanismus von Ursache und Wirkung bestätigen. Also gilt die Frage nach einer Methode, die sich jenseits dieser Dialektik ansiedelt und die Paradoxie dieses Mechanismus vorstellbar macht. Ich denke, dass die Arbeiten von Canan Dagdelen eine Form dafür gefunden haben, die Paradoxie dieses Paradigmas von Grund und Wirkung zu erfassen. Die ersten Arbeiten, die ich von ihr gesehen habe, waren scheinbar schwebende Gebilde im Raum: Was sich als frei schwebende Architektur oder eine fliegende Schrift im Raum zu erkennen gab, entpuppte sich als hängendes Gebilde, je nach Arbeit aus kugel- oder linsenförmigen Objekten zusammengesetzt, die jedes für sich mit einer Schnur an der Decke befestigt waren. Allein ihre Positionierung und Hängung erzeugte zusammen gesehen die bloße Vorstellung eines Objekts – die Form eines Gebäudes oder Schriftzugs, die realiter nicht vorhanden war. Das Diktum „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ gilt hier in einem weiteren Sinn, nämlich dem, dass das Ganze auch etwas anderes sein kann als die Summe seiner Teile. Die Form der Kugeln oder Linsen hat mit der Form der imaginierten Gebilde nichts zu tun. Oderanders gesagt: Die Formen ihres Materials verhalten sich indifferent zu den Formen der imaginierten Bilder. Die Beziehung der Bestandteile zu den Gebilden im Raum ist im Wesentlichen kontingent. Was als Gebilde erscheint, basiert allein auf der Anordnung der materiellen Elemente, die diesen nur als Variable gegenübertritt. Ihre Form oder Gestalt liefert nicht die Ursache für die Wirkung, die sie in ihrer Anordnung evozieren. So nebensächlich diese Inkongruenz von Ursache und Wirkung erscheinen mag, so wichtig ist sie für die Arbeit von Canan Dagdelen, weil sich darin die Relation zweier divergenter Logiken manifestiert: eine Logik, die dem imaginären Bild eines Objekts folgt, und eine Logik des Materials, die dem einzelnen Teil und seinem indifferenten Verhältnis zum Ganzen gehorcht. Und dieser Widerspruch zieht sich weiter – charakteristisch ist dafür etwa Canan Dagdelens Spiel mit der Schwerkraft, man möchte sagen: ihr Spiel mit einem Naturgesetz. Sie nützt die Schwerkraft, um ihre elementaren Formen allein mit einer Schnur fixiert von der Decke hängen zu lassen. Durch die Anordnung entsteht der Eindruck einer Hängeskulptur, die durch das imaginierte Bild schwerelos im Raum zu schweben und gerade die Schwerkraft außer Kraft zu setzen scheint. Canan Dagdelen nutzt die Schwerkraft, um ein Bild von Schwerelosigkeit zu suggerieren. Diese frei fliegenden Architekturen oder Schriftzüge haben buchstäblich keinen Grund. Sie können fliegen, weil die von der Decke hängenden Elemente nach unten gezogen werden. Und es ist gerade dieses Negieren der Schwerkraft, das sich als gewichtiger Eindruck der scheinbar schwebenden Gebilde dem Gedächtnis und als Erfahrung einschreibt. Ein Paradoxon, das Ursache und Wirkung offensichtlich entkoppelt und zwei unterschiedlichen Regimen zuordnet – einem Gesetz der Schwerkraft und einem Gesetz der Imagination, das sich der Schwerkraft entzieht. So schafft Canan Dagdelen eine Beziehung zwischen beiden, ohne dass das eine aus dem anderen hervorginge und ohne dass das eine die Ursache für das andere wäre. Die Beziehung zwischen diesen beiden Regimen ist beziehungslos, oder anders: das Paradoxon einer beziehungslosen Beziehung..."  Andreas Spiegl

Detail - Doppelhammam „Roxelana“_relocated, 2015. Porzellan, eingefärbt, Graffitpulver. 110 x 26 x 22 cm